Lehre und Bündnisse – Vorlesungen über Glauben

(3. deutsche Auflage, 1903)

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Sechste Vorlesung über Glauben.

Vorlesung 6.
Bewußtsein eines gottgefälligen Wandels zum Glauben nötig.

1.  In den vorhergehenden Vorlesungen haben wir von
den Begriffen des Charakters, der Vollkommenheiten und
Eigenschaften Gottes gesprochen; zunächst wollen wir von der
Kenntnis sprechen, welche Personen haben müssen, daß ihr
Lebenslauf nach dem Willen Gottes ist, um es ihnen möglich
zu machen, Glauben an ihn zur Erlangung des Lebens und
der Seligkeit zu haben.
2.  Diese Kenntnis nimmt einen wichtigen Platz in ge-
offenbarter Religion ein; denn es war in Folge derselben,
daß die Alten im Stande waren, auszuharren, als ob sie
den sehen konnten, der unsichtbar ist. Die wirkliche Kenntnis
einer Person, daß der Lebenslauf, den sie führt, Gott wohlge-
fällig ist, ist wesentlich notwendig, um sie in den Stand zu
setzen, jenes Vertrauen in Gott zu haben, ohne welches nie-
mand ewiges Leben erlangen kann. Es war dies, was die al-
ten Heiligen befähigte, alle ihre Mühseligkeiten und Verfol-
gungen zu ertragen, und freudig die Zerstörung ihrer Güter
hinzunehmen, da sie wußten (nicht nur glaubten), daß sie
eine bleibendere Habe in Himmel hatten. Ebräer 10: 34.
3.  Mit der Versicherung, daß sie einen Lauf führten, der
nach dem Willen Gottes war, waren sie im Stande, nicht
nur die Zerstörung ihrer Güter, und die Zerrüttung ihres
Eigentums, sondern auch den Tod auf die schrecklichste Weise,
freudig zu erdulden, im Bewußtsein (nicht nur glaubend), daß
nach der Auflösung dieses irdischen Hauses sie einen Bau
von Gott haben werden, ein Haus nicht mit Händen gemacht,
das ewig ist, im Himmel. 2. Corinth. 5: 1.
4.  So war und wird die Lage der Heiligen Gottes im-
mer sein, daß wenn sie nicht eine wirkliche Kenntnis haben,
daß der Lebenslauf, welchen sie führen, nach dem Willen Got-
tes ist, sie in ihren Herzen müde und schwach werden. Denn
so ist der Widerstand gewesen und wird auch immer in den
Herzen der Ungläubigen und jener sein, die Gott nicht kennen,
gegen die reine und unverfälschte Religion des Himmels (die
einzige Sache, welche ewiges Leben gewiß macht), so daß sie
aufs Aeußerste alle diejenigen verfolgen, welche Gott nach
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Sechste Vorlesung über Glauben.
Religion muß Aufopferung verlangen, um seligmachend zu sein.

seinen Offenbarungen verehren, die Wahrheit, deren Liebe we-
gen empfangen und sich unterwerfen, nach seinen Willen ge-
leitet und geführt zu werden, und sie in solche äußerste Not
treiben, daß nichts Geringeres als die wirkliche Kenntnis, die
Geliebten des Himmels zu sein und jene Ordnung der Dinge
empfangen zu haben, die Gott zu Erlösung der Menschheit
eingeführt hat, sie in den Stand setzen wird, jenes Vertrauen
in ihn zu setzen, das notwendig für sie ist, die Welt zu über-
winden und jene Krone der Herrlichkeit, welche für diejenigen,
die Gott fürchten, aufbewahrt ist, zu erlangen.
5.  Um den Menschen zu befähigen, Alles niederzulegen
und aufzugeben, seinen Charakter und Ruf, seine Ehre, seinen
guten Namen und Beifall unter den Menschen, Häuser, Län-
der, Brüder und Schwestern, Weib und Kinder und selbst sein
eigenes Leben – alle Dinge nur als Kot und Schaum be-
trachtend, der Erhabenheit der Kenntnis Jesu Christi willen
– braucht es mehr als bloßen Glauben oder Vermutung, daß
er den Willen Gottes thut; sondern eine sichere Kenntnis,
welche ihm verwirklicht, daß nachdem diese Leiden beendigt
sind, er als ein Teilhaber der Herrlichkeit Gottes in ewige
Ruhe eingehen wird.
6.  Denn wenn der Mensch nicht weiß, daß er nach dem
Willen Gottes wandelt, so würde er die Würde des Schöpfers
verletzen, zu sagen, er wolle ein Teilnehmer seiner Herrlichkeit
werden, nachdem er mit den irdischen Dingen dieser Welt fer-
tig wäre. Doch wenn er diese Kenntnis hat und ganz sicher
weiß, daß er den Willen des Herrn thut, so kann sein Ver-
trauen auch im Verhältnis stark, zur Erlangung der Herrlich-
keit Gottes sein.
7.  Hier wollen wir bemerken, daß eine Religion, die
nicht das Aufopfern aller Dinge verlangt, nie Macht genug
hat, und den zur Erlangung des Lebens und der Seligkeit not-
wendigen Glauben hervorzubringen; denn seit dem ersten Da-
sein des Menschen, konnte der Glaube, welcher notwendig zur
Erlangung des Lebens und der Seligkeit ist, nie ohne das
Aufopfern aller irdischen Dinge erlangt werden. Es war
durch dieses Opfer und es allein, daß Gott verordnete, daß
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Sechste Vorlesung über Glauben.
Schriftliche Anführungen, die dieses bestätigen.

die Menschen sich des ewigen Lebens erfreuen sollten; und es
ist durch das Opfer aller irdischen Dinge, daß die Menschen
wirklich wissen, daß sie die Dinge thun, die dem Herrn ange-
nehm sind. Wenn ein Mensch Alles, was er besitzt, um der
Wahrheit willen, geopfert, und selbst sein Leben nicht zurück-
gehalten hat, und vor Gott glaubt, daß er berufen worden ist,
dieses Opfer zu bringen, weil er seinen Willen zu thun sucht,
so weiß er auch ganz gewiß, daß Gott sein Opfer und seine
Gabe annehmen wird und daß er sein Angesicht nicht ver-
geblich sucht, noch suchen wird. Unter diesen Verhältnissen
kann er daher Glauben erlangen, welcher notwendig ist, das
ewige Leben zu erfassen.
8.  Es ist vergeblich für Personen sich einzubilden, daß
sie Erben mit jenen sind oder sein können, welche ihr Alles,
als ein Opfer dargebracht, und durch dieses Mittel, Glauben
an Gott und seine Gunst erlangt haben, so daß sie ewiges
Leben erlangen können, wenn sie nicht, auf gleiche Weise ihm
ein gleiches Opfer bringen und durch jenes Opfer die Kennt-
nis erlangen, daß sie von ihm angenommen werden.
9.  Es war durch das Darbringen von Opfern, daß Abel,
der erste Märtyrer, die Kenntnis erlangte, daß er von Gott
angenommen war. Und von der Zeit des gerechten Abel an
bis auf die jetzige Zeit ist die Kenntnis, welche die Menschen
haben, daß sie angenommen worden sind, vor dem Angesichte
des Herrn, durch das Darbringen von Opfern, erlangt wor-
den. Und in den letzten Tagen, ehe der Herr kommt, wird er
seine Heiligen, die mit ihm einen Bund durch Opfer gemacht
haben, zusammensammeln. „Unser Gott kommt und schweiget
nicht. Fressendes Feuer geht vor ihm her, und um ihn her ein
großes Wetter. Er ruft Himmel und Erde, daß er sein Volk
richte. Er wird sprechen, ‚Versammelt mir meine Heiligen,
die einen Bund mit mir gemacht haben, durch ein Opfer‘.“
Psalm 50: 3–5.
10.  Jene, deshalb, welche ein Opfer bringen, werden
das Zeugnis haben, daß ihr Lebenslauf vor dem Angesichte
des Herrn angenehm ist; und jene, welche dies Zeugnis ha-
ben, werden Glauben haben, ewiges Leben zu erlangen und
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Sechste Vorlesung über Glauben.
Die, welche kein solches Opfer bringen, können nicht ausharren.

durch den Glauben im Stande sein, bis ans Ende auszuhar-
ren und die Krone zu empfangen, welche für diejenigen be-
reitet ist, welche die Erscheinung unseres Herrn Jesu Christi
lieben. Doch diejenigen, welche das Opfer nicht bringen, kön-
nen sich dieses Glaubens nicht erfreuen, weil die Menschen
von diesem Opfer abhängig sind, um diesen Glauben erlan-
gen zu können; deshalb können Sie das ewige Leben nicht er-
fassen, weil die Offenbarungen Gottes ihnen nicht das Recht
dazu gewährleisten und ohne diese Gewährleistung der Glaube
kein Dasein haben könnte.
11.  Alle Heiligen, von denen wir Bericht in allen, den
uns bekannten, Offenbarungen haben, erlangten die Kennt-
nis welche sie von ihrer Annahme vor dem Angesicht Gottes
hatten, durch das Opfer, welches sie ihm darbrachten; durch
die so erlangte Kenntnis, wurde ihr Glaube stark genug auf
das Versprechen der Erlangung des ewigen Lebens sich zu
stützen und auszuharren, als ob sie ihn sähen, der unsichtbar
ist, und wurden durch den Glauben in den Stand gesetzt, die
Mächte der Finsternis zu bekämpfen, gegen die List des Wider-
sachers zu streiten, die Welt zu überwinden und den Endzweck
ihres Glaubens, sogar die Seligkeit ihrer Seelen zu erlangen.
12.  Doch diejenigen, welche Gott jenes Opfer nicht ge-
bracht haben, wissen nicht, ob der Weg, den sie einschlagen,
Gott wohlgefällig ist; denn, was immer ihr Glaube oder ihre
Meinung sein mag, so haben sie doch Zweifel und Ungewiß-
heit in ihren Herzen. Wo Zweifel und Ungewißheit herr-
schen, da ist, und kann kein Glaube sein; denn Zweifel und
Glaube können nicht in einer Person zur selben Zeit bestehen;
so daß Menschen, deren Herzen in Zweifel und Furcht sind,
kein unerschütterliches Vertrauen haben können, und wo
unerschütterliches Vertrauen nicht herrscht, da ist der
Glaube schwach, und wo der Glaube schwach ist, da werden die
Personen nicht im Stande sein, gegen allen Widerstand, alle
Trübsale und Mühseligkeiten, welchen sie zu begegnen haben,
um Erben Gottes und Miterben Jesu Christi zu werden, zu
kämpfen. Deshalb werden sie müde in ihren Herzen und der
Widersacher wird Macht über sie erlangen und sie zerstören.

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